Forschung

Diskussion über die neuesten Forschungsergebnisse zu Long COVID

© Markus Scholz für die Leopoldina

Auf einer Veranstaltung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina diskutierten führende internationale Fachleute den aktuellen Stand der Long COVID-Forschung. Das Forscherteam um Akiko Iwasaki, Professorin für Immun-, Molekular- und Zellbiologie an der Yale University, führte aus, dass inzwischen vier Hauptursachen für Long COVID verfolgt würden. Erstens bliebe ein Virusreservoir bestehen, sodass sich das Virus weiterhin im Körper vervielfältige und hierdurch chronische Infektionen verursache. Zweitens werde durch eine SARS-CoV-2-Infektion eine Autoimmunität getriggert, bei der das Immunsystem fremde und körpereigene Antigene nicht mehr unterscheiden kann. Als dritte Ursache wurde die Reaktivierung von im Körper „schlummernden“ Viren – etwa Herpesviren – diskutiert, welche, wie auch bei anderen Virusinfektionen, durch eine SARS-CoV-2-Infektion „geweckt“ und reaktiviert werden können. Eine vierte Ursache betrifft insbesondere Patient*innen mit schwerem Verlauf: Diese wiesen Gewebeschäden und -fehlfunktionen auf. Alle genannten Ursachen treten den Forscher*innen zufolge nicht immer isoliert voneinander auf, sondern durchaus auch überlappend oder sequenziell.

Carmen Scheibenbogen von der Charité in Berlin berichtete von Ergebnissen kleinerer klinischer Studien, die zeigten, dass sogenannte Autoantikörper eine Rolle bei Long COVID spielen, da sie für Entzündungen im Körper sorgen. Während Antikörper gemeinhin Krankheitserreger wie Bakterien und Viren neutralisieren, richten sich vom Immunsystem produzierte Autoantikörper jedoch gegen den eigenen Körper. Um diese Erkenntnisse zu vertiefen, bedürfe es Scheibenbogen zufolge mehr Arbeit an tatsächlichen Therapien und mehr klinischer Studien.

Ebenfalls diskutiert wurde die Tatsache, dass es sich bei Long COVID nicht um eine psychosomatische Erkrankung handelt, sondern vielmehr davon auszugehen ist, dass biologische Ursachen zum Long COVID-Syndrom Covid führen. Psychosomatische Symptome seien vielmehr die Folge von Long COVID. Denn: Durch die Analyse der immunologischen Merkmale von Betroffenen lässt sich ein Auftreten von Long COVID mit 96-prozentiger Sicherheit vorhersagen.

Auch Michael Edelstein von der Bar-Ilan-University in Safed, Israel, wies auf die biologischen Ursachen von Long COVID hin. Seiner Ansicht nach gäbe es weltweit kein so konsistentes Bild des Long COVID-Syndroms, wäre dies eine rein psychosomatische Erkrankung. Des Weiteren betonte er den positiven Einfluss von Impfungen auf das Risiko, an Long COVID zu erkranken. Der aktuelle Forschungsstand zeige, dass mindestens zweifach Geimpfte ein um 25 bis 30 Prozent verringertes Risiko tragen. Weiterhin wies er auf den Krankheitsverlauf hin: Je schwerer die SARS-CoV-2-Infektion verläuft, desto größer sei das Risiko für langanhaltende Long COVID-Symptome.

Weiterführende Informationen:
https://www.mdr.de/wissen/leopoldina-long-covid-internationale-forschung-aktueller-stand100.html

https://www.leopoldina.org/en/events/event/event/3038/